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trampabout schrieb am 11.08.2004 um 15:00:

Der Kriegsspital-Blues

Immer wenn mich jemand fragt, wo ich in Wiener Neustadt einmal gewohnt habe, bin ich als Zuwanderer unbefangen und auch mutig genug, zu sagen: im Kriegsspital! Auch wenn ich nur in einer der Randsiedlungen zu Hause war. Fast drei Jahre habe ich dort gelebt und mit einem neuen Leben begonnen.

Selbstverständlich hat man mich als Außenseiter gewarnt, über dieses Wohnquartier zu schreiben. Und mir ist auch klar, dass ich, ohne hier verwurzelt zu sein, gar nicht das richtige Gespür für die sozialen Zusammenhänge und Abläufe aufbringen kann. Aber ich wohnte halt einmal in dieser Gegend! Und ein bisserl Narrenfreiheit hab ich als "Zurgroaster" ja auch!

Das Kriegsspital mit seiner näheren Umgebung gehört ganz bestimmt nicht zu den tollen Wohngegenden. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Anlage zu irgend einer Zeit ein besonderes Paradebeispiel für den sozialen Wohnungsbau darstellte. In den letzten Jahren wird aber viel saniert und modernisiert und damit die Wohnqualität doch erheblich verbessert.

Wo kommt eigentlich der Name "Kriegsspital" her? Hier gab es wirklich einmal ein Kriegsspital – und zwar in Form eines Baracken-Lazarettes. Nach dem ersten Weltkrieg! Dieses Spital wurde Ende der Zwanziger Jahren aufgelassen und die Behausungen wurden daraufhin zu Wohnunterkünften umfunktioniert. Hauptsächlich auch für das Heer der Arbeitslosen, das durch die Schwierigkeiten und dem Niedergang der Wiener Neustädter Daimler-Werke und der Österreichischen Flugzeugfabrik stark angewachsen war.

!938 wurde das gesamte Areal von einem großen Wohnungsbau-Unternehmen gekauft , um anstelle der Baracken-Siedlung eine für damals doch recht mustergültige Wohnsiedlung zu erstellen. Mit Grünanlagen, mit Geschäften des täglichen Bedarfes, einer Wirtschaft und einem Gemeinschaftshaus.

Das ist die Geschichte! Heute leben hier Menschen, die immer schon hier gelebt haben und hier aufgewachsen sind, aber auch Menschen, die sich keine teure Wohnung leisten können und Menschen, die im sozialen Netz hängen oder schon durchgefallen sind. Die Krawatte gehört nicht hierher und das Bier wird aus der Flasche getrunken.

Ganz bestimmt sind die Bewohner in unserer Zeit vielschichtiger und wie man überschnell zu sagen pflegt, multinational und multikulturell. Neben den Einheimischen gibt es Türken, Kroaten, Serben, Rumänen, Ungarn , Slowaken, Albaner, Afrikaner und auch ein paar Deutsche. Minderheiten, die das Erscheinungsbild ein bisschen farbiger machen, ohne es wirklich zu prägen. Das macht Österreich aus!

Der Kenner der TV-Serie Kaisermühlen-Blues kann sich schnell einbilden, auch im Kriegsspital etwas vom Wehmut des Blues zu spüren. Denn der Blues ist der Ausdruck eines besonderen Gefühls. Es ist die Musik, die Enttäuschung, Leiden, Einsamkeit, Verzweiflung, Laster und Tod, aber auch Träume, Glück, Liebe und Hoffnung beschreibt. Dazu gehört eine Sprache, die ihre eigene, starke Ausdrucksweise gefunden hat. Ein umwerfender Jargon, "goschert" und mit deftigen Schmäh, der sich durchaus mit den Kundgebungen in Ottakring oder Favoriten messen lassen kann..
In der Konzentration werden in einem solchen großen Wohngebiet auch die Probleme deutlicher sichtbar - Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Brutalität, Rowdytum und Kleindelikte. Auch wenn die statistische Bilanz wahrscheinlich gar nicht so dramatisch sein mag. Auf der anderen Seite gibt es hier auch noch einen Zusammenhalt und ein Miteinanderumgehen, wie es in den modernen und anonymen Trabanten-Siedlungen sicher nicht mehr bekannt ist.

Es ist auch nicht verwunderlich , dass das Kriegsspital auch einmal eine Keimzelle der historischen Arbeiterbewegung und des Sozialismus war. Heute ist das politische "Farbenbild" mehr verwaschen , genauso, wie sich auch der Charakter der Parteien verwaschen darstellt..

Wenn ich anfänglich geschrieben habe, dass das Kriegsspital und die Gegend darum herum wohl nicht zu den tollen Wohngegenden zählt, dann ist das noch lange kein definitives Werturteil. Hier zu wohnen hat gewiss auch seine Vorteile und die habe ich auch genossen:
die Miete ist erschwinglich, zumal die Wohnanlage, in der ich gelebt habe, erst 1994 erbaut worden ist;
Kabelanschluss, Ferngas-Therme und reservierter Parkplatz;
die Lage zum Stadtzentrum sowie zum Bahnhof und die Verkehrsanbindung durch Bus ist günstig;
die Autobahnen Wien, Graz und Eisenstadt sind in wenigen Minuten erreichbar;
die Einkaufsmöglichkeiten sind vielfältig und zu Fuß erreichbar (Einkaufszentrum, Supermärkte, Baumarkt etc.);
Wohnen am Stadtrand und im Grünen – Spaziergänge am Wiener Neustädter Kanal, an der Fischa, am Kehrbach, am Auwald und im Ungarfeld – war sehr wichtig als Auslauf für unseren vierbeinigen Gefährten;
der europäischen Radweg Nr.9 nach Wien führt quasi an der Haustüre vorbei;
ein Katzensprung zu den Heurigen in Lichtenwörth und Neudörfl im Burgenland.

Vergangenheit und Erinnerung mit ein bisschen Wehmut.

trampabout
August/04




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